Der Wildbach


I.
Gespenstisch, – wie der Bach den Schutt der Muhre,
Dem Berg entwühlt von Wetterwolkengüssen,
Ununterbrochen, eine Donnerfuhre,
Talab wälzt nach der Ebne breiten Flüssen!
Das mahlt, als schössen Schädel toter Trolle
Im Schoss der Flut vertrackte Purzelböcke,
Als schlurfte Knochenwust zermalmter Nöcke
Der Grube zu mit schotterndem Gerolle.
Mir wird, da ich am Brückenbalken lehne,
Wie einem selbst Zermalmten und Entmannten,
Mich stösst der dumpfe Tanz in jeder Sehne,
Der Totentanz zerschmetterter Giganten.

II.
Des Baches zügellosen Ansturm seh’ ich
Sich zornaufschäumend am Granitblock brechen,
Und wie betäubt und staunend steh’ ich:
War auch so unverwandt – Mein Widersprechen?
Mein Widersprechen all der Zeitgedanken,
Die wie ein wilder Schwall den Geist bestürmen?
Erwehrt’ ich mich so wacker ihrer Pranken
Und auch so schlicht im mich-dawider-Türmen?


III.
Die kleinen Steine springen wie die Fische,
Der angeschwemmten Sandbank wirr entstrudelt,
Und sammeln abwärts sich um neue Tische
Und werden auch von dort hinweggesprudelt.
Bis endlich all die ruhelos Gerollten
Sich drunten lagern im verzweigten Bette -
Und wieder gilt, was gestern hat gegolten:
Der Flut die Ferne und dem Stein die Stätte.
Christian Morgenstern . 1871 – 1914