Meiner erster Aufstieg zum Dolada

Ich bitte Luciano und Armando (zwei alte Hasen aus unserem Dorf) mit uns zu gehen, denn ich weiß, dass sie hier in den Bergen groß geworden sind und diese wie ihre Westentasche kennen.

Also, sind Sie soweit? Rucksack, sehr gute Bergschuhe, (bedenken Sie, Dolomit Gestein ist sehr tückisch und sobald es nass ist, rutscht es), Regenschutz, Fotokamera, Wasser, ein bisschen Schokolade, Brotzeit, gute Laune und alpine Kraft und Ausdauer.

Wir verlassen die Bella Casa Gingelina und fahren mit dem Auto zuerst nach Arsie und immer den Schildern nach hoch zur Berghütte Carotta. Übrigens, kann man da sehr gut essen! Die Straße wird immer schmäler, die Kurven immer steiler, die Täler liegen immer tiefer, aber dann kommt der große Parkplatz der Berghütte Dolada. Wir parken rechts von der Hütte und grüßen noch schnell die Flieger, biegen scharf ab und folgen dem kleinen Schild „Dolada“. Der erste Teil des Weges geht schön gemütlich aber auch streckenweise steil und stetig den Berg hoch.

Dann kommt man auf eine Hochebene, die mit Bergblumen übersäht ist, welche man oft in den Botanik Büchern sieht. Margareten, Enziane, Disteln, Orchideen, die nach Vanille riechen, Cyclamen, Glockenblumen und viele Sorten von Waldbeeren. Es riecht nach einem Gemisch von Kräutern und Blumen und alles summt um einen herum. Hie und da erblickt man ein Murmeltier aus den Augenwinkeln, welches sich noch gemütlich sonnte und jetzt blitzschnell in einer Ritze verschwindet.

Ja, und dann steht man plötzlich an der massiven Felswand, schaut nach oben und fragt sich wie es weiter geht. Zuerst, zwischen den großen abgetrennten Felsbrocken, die von Wind, Wetter und Erdbeben in den Jahrtausenden zerbröckelt wurden. Der Weg wird immer schwieriger und schmäler. Nach einer großen Felswand geht’s wieder nach unten. Man blickt hinter sich und wird unsicher ob man auf dem richtigen Weg ist.

Armando hält jetzt an und legt seinen Rucksack ab. Aus diesem zieht er eine lange feste Leine heraus und sagt uns, wir sollen uns nacheinander, jeweils in 2 m Abstand, die Leine um die Hüfte binden. Wir lachen etwas über diesen Vorschlag und jeder denkt: „Na ja, die sind wohl vom Touristenverein und wollen sich wichtig tun“. Brav wie wir sind, leinen wir uns an und dann geht es weiter.

Nach nur wenigen Schritten verschwindet der Pfad, nur noch große Steinblöcke, die den Weg unkenntlich machen. Diese Giganten müssen wir immer wieder überwinden, uns gegenseitig beim Klettern helfen. Mit schnellen Schritten ist das nicht getan, denn die Blöcke sind zu hoch und man hat keine Fläche um darauf das Gleichgewicht zu halten. Also, schön vorsichtig auf Felskanten und Ecken mit der Hilfe der Hände und der Finger, Fels für Fels erobern. Was die Leine angeht, jetzt kommt sie voll zum Einsatz.

Ja, und so geht es endlos weiter. Unsere Kräfte lassen langsam nach und wir spüren mehr und mehr unsere Müdigkeit. Plötzlich verändert sich wieder die Landschaft, die Felsblöcke verschwinden und vor uns wird der Bergkamm sichtbar. Alles ist mit frischem dichtem Gras bedeckt, nur manch kleine Blume, dicht über dem Boden streckt ihr Köpfchen der Sonne entgegen. Ein kleiner Pfad schlängelt sich den Kamm empor und hier kann ich nur empfehlen! Nur nach vorne blicken und mit festem Schritt weitersteigen. Wer sich sicher fühlt und es wagt seine Augen auf das Panorama zu richten, wird erstmal tief einatmen und schon ahnen welche Aussicht er in Kürze haben wird. So langsam aber stetig schreiten wir voran und plötzlich ist vor uns, kaum noch ein paar Meter entfernt, das Gipfelkreuz.

Da stehen wir nun alle dicht beieinander. Keiner sagt ein Wort, der leise Wind murmelt und wirbelt durch unsere Haare als ob er uns grüßen würde. Schön dass ihr da seid! Langsam kehren unsere Kräfte wieder, ein Schluck Wasser und ein bisschen Schokolade sind jetzt genau richtig. Wir lächeln zufrieden und danken diesen Blick in die ewige Schönheit der Schöpfung heute hier erlebt zu haben.